Francesca, Historikerin

Fassungslos

Maximillian, Sozialbetreuer und Hausleiter

Natürlich hat es einen bitteren Beigeschmack, wenn ein Ort, der seit jeher für Ausgrenzung und grausame Verbrechen stand, heute Geflüchtete beherbergt. Meine alltägliche Arbeit mache ich trotzdem gern. Wenngleich: Manchmal nimmt die Bürokratie etwas überhand.

Bettina, Schriftstellerin

"Wir waren immer auf der Flucht. Wir waren der Abschaum, das Unterste, das Letzte. Sie nannten uns HwGs oder Herumtreiberinnen, Arbeitsbummelantinnen, Asoziale. Über der Tür der Riebeckstraße thront der heilige Georg auf einem Pferd im Sprung. Früher waren dort Wahnwitzige und Sinnlose, Liederliche. Wir wurden versorgt und verwahrt."(aus dem Buch „Herumtreiberinnen“(Arbeitstitel), das vorraussichtlich 2020 im Verbrecherverlag erscheint)

Thomas, Psychatriekoordinator

1993/94 haben wir diesen Hofbereich zwischen Haus 1 und Haus 2 (damals "Wohnort" für viele behinderte Menschen des psychiatrischen Krankenhauses Leipzig Dösen) "Piazza" getauft, weil bei (meist) warmen Temperaturen dort ein Treffpunkt / Austausch der Bewohner in eigener Choreografie als Sitzplatz auf mitgebrachten Stühlen eingerichtet war. Von dort aus konnte man gut beobachten, was geschieht. Wer kommt und wer geht? Was wird angeliefert (Wann kommt das Essen?). Und miteinander geschwiegen oder gesprochen - je nach dem - was wichtig war oder wie es einem ging. Für uns damals ein seltsam romantisches Bild. 

Rosi, Künstlerin und Aktivistin

Das ist für mich ein Symbolfoto, wo ich mich gut erkenne. Eigentlich soll und will ich fotografiert werden - aber dann mache ich mein eigenes Ding und entdecke etwas, was ich selbst unbedingt fotografieren will. Mir hat gleich gefallen, dass neben mir eine kleine Kopie von einer Lutz Quarg Zeichnung an der Wand hängt – meinem Künstlerkollegen, dem ich vor fast vierzig Jahren in der Psychiatrie begegnete. Dass da auch noch eine Fluchtwegzeichen zu sehen ist, hat an diesem Ort, der Leipziger Riebeckstrasse 63, eine besondere Bedeutung. Hier fand Verfolgung, Ausgrenzung und Verwahrung unserer Mitbürger über verschiedene politische Systeme hinweg statt. Jetzt kann dem Verhängnis entflohen werden.

Liban, in Ausbildung

Bis hierher bin ich gekommen. Die Mitarbeiter sind freundlich und ich fühle mich hier sicher. Hier ist es besser als in anderen Unterkünften.

Florian, Kunststudent

Wahrscheinlich hätte man mich hier auch inhaftiert.

Ali, Hausmeister

Riebeck.63 mit seiner langen Geschichte wird für immer eine Sonderstelle in meinem Herzen haben! Dort habe ich meinen Weg im Arbeitsleben in Deutschland betreten .

Lutz, Künstler

Isabell , Kunststudentin

Fast alles was ich über die Geschichte der Riebeckstraße 63 weiß, stammt aus einem kleinen Faltblatt, dass Valentina Seidel mir gab, als sie mich dort herumführte. Nach der Ortsbegehung hatte ich sofort das Bedürfnis mehr zu erfahren. Im Internet fand ich ein paar Einträge und Zeitungsartikel. Die meisten sind nicht älter als zwei bis drei Jahre. Im Keller der Riebeckstraße habe ich zahlreiche Akten aus der Zeit der DDR liegen sehen. Aus einem Artikel erfuhr ich außerdem, dass dem Stadtarchiv seit 2016 auch Patientenakten aus früheren Jahren vorliegen. An Quellen fehlt es nicht. Ich frage mich also, warum hat es so lange gedauert, bis eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der Riebeckstraße erwirkt wurde?

Daniel, Historiker

Einer zentralen Hauptverkehrsstraße zugewandt und doch kaum von den Wartenden an der davor befindlichen Bushaltestelle wahrgenommen, befindet sich in dem massiven gelben Backsteinbau auf der Riebeckstraße 63 heute eine Unterkunft für Geflüchtete. Die Gewaltgeschichte dieses Ortes ist nicht unmittelbar ersichtlich, doch ein Blick ins Untergeschoss des Hauses eröffnet den Blick in die Vergangenheit. Symptomatisch für das städtische Vergessen und Verdrängen liegen dort dutzende Unterlagen aus der vergangenen Nutzung des Areals. Verstaut in Kisten, teils in verstaubten Müllsäcken, liegen diese historischen Überreste auf zwei Haufen verteilt. Hunderte Schicksale von Menschen die hier eingesperrt waren, gilt es zu erinnern

Ella, Kunsthistorikerin

Das Klima erinnert an ein Tropenhaus, doch statt rankender Pflanzen stapeln sich ausrangierte Möbel vor den meterhohen, lichtdurchfluteten Fenstern. Die Waschmaschinen im Zentrum des Raumes bilden einen Kontrast zu dieser chaotischen Assemblage. Die kontinuierlich rüttelnden, surrenden Kuben stehen in Reih und Glied ordentlich auf einem gefliesten Podest arrangiert. Was an diesem Raum der Widersprüche verweist eigentlich noch heute auf die vergangene Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung auf diesem Areal der Riebeckstraße 63? Es bedarf historischen Wissens, um diese Frage zu beantworten und die Spuren des Vergangenen von ihren vielfachen Überschreibungen zu differenzieren. Erst dann können jene Geschichten durch Interventionen, Aneignungen und Besetzungen wieder freigelegt und sichtbar gemacht werden.

Peter, Pförtner

An mir kommt keiner vorbei. Trotzdem fühle ich mich nicht wahrgenommen. Ich kucke den ganzen Tag aus dem Fenster und warte, dass etwas passiert.

Andreas, Architekt

Riebeck Kilometerlang schnurgerade, urban, voller Kontraste. Nur der südliche Auftakt schwach, zur Prager Straße vakant. Ein neues Stadtquartier, klare Räume, schöne Hochpunkte. Gegenüber der 63 ein mächtiger Ziegelturm. Unten Gastronomie, gestapelt Veranstaltung, Coworking, Boarding. Ein Soho-Haus für LE.

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